Seoul und ich und Wandern

Über mehrere Jahre hinweg war ich bestimmt einmal im Monat in Seoul. Ich kenne mich hier gut aus und ich bin sehr gerne hier. Wenn ich das erzähle werde ich oft gefragt: „Was machst du denn da so? Was kann man denn da machen?“ Ich antworte dann: „Man kann in Seoul alles machen…lecker Essen, Feiern, ins Kino gehen, Shopping, Wandern und und und!“ Alles davon habe ich schon ausgiebig gemacht, bis auf‘s Wandern. Ja, zu Fuß unterwegs bin ich sowieso und auf den Hügeln der Stadt war ich oft, aber in den Nationalparks bis jetzt noch nicht, obwohl ich schon so viel gutes gehört habe.

Das soll sich jetzt ändern. Auch wenn es zur Zeit sehr kalt ist und mein guter Freund Jetlag mir sagt, ich sollte zu dieser Zeit lieber schlafen als aufzustehen. Heute morgen bin ich zum Wandern verabredet und wir werden den Bukhansan National Park erkunden, aber vorab…

 

…ein Paar Fakten:

Bukhansan National Park liegt im Norden von Seoul. Auf einer Fläche von 79,92 km² bietet er Wälder, einige Tempel und wunderschöne Granitgipfel. Die 3 Hauptgipfel sind Baekundae, 836.5 m, Insubong mit 810.5 m und Mangnyeongdae der auf 799.5 m kommt. Es gibt insgesamt 66 Wanderwege im Park, welche gegen den Uhrzeigersinn durchnummeriert sind. 5 Schwierigkeitsstufen werden auf den Karten angegeben: Easy, Moderate, Intermediate, Advanced und Expert. Wir haben auf unserer Tour Erfahrungen mit Intermediate und Advanced gesammelt und beides wurde seinem Namen gerecht. 

Bukhansan heißt übersetzt übrigens „Berge nördlich des Han Flusses“ und genau den kann man an schönen Tagen sehr gut von den Gipfeln aus sehen.

Im Park liegt außerdem die Bukhansanseong Festung und ihre 12,7 km lange äußere Verteidigungsmauer. Sie hat 6 große, 8 versteckte und 2 Wasser Tore und gesamt nimmt die Festung eine Fläche von 6,2 km² ein. 

Bis 2007 musste man beim Betreten des Nationalparks Eintritt zahlen. Dies wurde dann glücklicherweise vom Staat geändert und seit dem erfreut sich der Bukhansan National Park noch größerer Beliebtheit. Er wird so gerne und zahlreich besucht, dass einige der Wanderwege regelmäßig geschlossen werden, um der Natur etwas Erholung zu gönnen.

 

Auf geht’s

Es gibt von unserem Hotel aus mehrere Möglichkeiten an Zugänge zum Bukhansan National Park zu gelangen. Unter anderem fahren mehrere Busse. Wir haben uns für ein Taxi zu einem südlichen Zugang entschieden. Den habe ich auf einer Karte gesehen und ich denke wir probieren ihn einfach mal aus.

Die Straße auf der wir uns absetzen lassen heißt Bibong-gil und sie führt uns zufällig genau auf den Wanderweg Nr. 1. Eine sehr gute Wahl wie sich rausstellt. Wir laufen also los, passieren eine kleine Hütte, die wahrscheinlich damals als Ticketschalter diente und arbeiten uns langsam, den schon recht steilen Weg hinauf. Wegweiser auf Koreanisch und Englisch bieten uns Tempel, Höhlen und Gipfel an und wir wählen einfach was sich am besten anhört. Viel falsch können wir hier nicht machen und alles ist uns neu und bestimmt sehenswert. Also Richtung Geumseonsa Tempel, den wir auch nach kurzer Zeit schon erreichen.

 

Geumseonsa Tempel

Eine kleine Steinstatue begrüßt uns freundlich und wir steigen die Treppen zum ersten Tor hinauf. Ein kleines Tor mit roten Säulen und der typisch koreanischen Dachkonstruktion. Mit wunderschön gemalten Details in leuchtendem Grün, Blau, Türkis, Orange und Gelb. Ich liebe diese Farben. 

Ein paar Meter entfernt steht ein neueres, kleines Häuschen mit viel Glas und bereits einem tollen Blick den Berg hinunter. Es ist nicht verschlossen und soll den Besuchern wohl eine Möglichkeit bieten, sich zurück zuziehen. Schöne Hölzer im Innern, ein gefülltes Bücherregal und Sitzkissen um es sich gemütlich zu machen. In einer Ecke steht ein Kocher um Tee zu zubereiten. Das Häuschen ist ausserdem extrem gut isoliert und bietet einem absolute Ruhe. Hier würde ich mich gerne ein wenig aufhalten und schreiben, aber erstmal weiter und etwas zum Schreiben erleben ;).

Der Eingang zum Geumseonsa Tempel ist ein größeres Tor, oder eigentlich eher ein Gebäude mit einer offenen, ersten Etage und einer kleinen Treppe hinauf. Oben, unter dem hölzernen Dach, hängt eine große Trommel und eine massive Glocke. Beides bestimmt in der Lage die Ruhe zu beenden. Wie beeindruckend müssen deren Klänge sein!

Unter dem Gebäude hindurch erreichen wir den Innenhof der Tempelanlage und wir werden gleich von einigen der Bewohner begrüßt. Erst einmal misstrauisch bellen uns die schönen Hunde an und stellen klar, wessen Territorium das hier ist. Nach etwas schnuppern und gut zureden lassen sie uns dann durch. Vorsichtig laufen wir durch die Anlage. Hier ist alles offen, nette Leute lächeln uns entgegen und geben uns das Gefühl willkommen zu sein.

 

Templestay

Der Geumseonsa Tempel ist einer von vielen Tempeln die „Templestay“ anbieten. Ein Kulturelles Programm welches einem die Möglichkeit bietet, die 1700 jährige Geschichte des Koreanischen Buddhismus live zu erleben.  Die Templestay Angebote reichen vom 3 stündigen, kleinen Einblick bis hin zur Übernachtung.

Hier lernt man unter anderem koreanisch, buddhistische Zeremonien kennen, man kann an Meditationen teilnehmen und bekommt einen Eindruck der buddhistischen Küche. (Den entsprechenden Link findet ihr am Ende des Textes) 

Als wir von einem der Hauptgebäude aus einem Schild mit der Aufschrift „Cave“ folgen, bekommen wir schon einmal einen kleinen Einblick in eine solche Zeremonie samt begleitender Klänge. Da wir aber unangemeldet auf einmal fast mittendrin stehen, haben wir Angst zu stören und ziehen uns schnell und leise wieder zurück. 

So sehr uns der Templestay auch interessiert, eine Übernachtung ist auf unserer Tour leider nicht eingeplant und so genießen wir die friedliche Atmosphäre hier, schlendern langsam zwischen den Häusern durch und heben uns das für den nächsten Besuch auf. Bevor wir aber weiter ziehen, lassen wir es uns nicht nehmen, aus einer Bergquelle, die hier direkt neben dem kleinen Schrein unter dem riesigen Felsbrocken in einem Becken endet, zu trinken. Sehr lecker und erfrischend. Zeit den Wegweisern in Richtung erstem Gipfel zu folgen.

 

Wie ein Gemälde

Hinter dem Tempel geht es weiter den Berg hinauf und so langsam lässt sich absehen, wie sich der Weg entwickeln wird. Der Hang wird steiler, die Schritte werden entsprechend weiter und immer öfter brauche ich auch meine Arme als Unterstützung oder bin gleich auf allen vieren unterwegs. 

Nach einer Weile machen wir das erste mal halt und setzen uns auf einen Felsvorsprung direkt oberhalb des Tempels. Schon von hier aus ist der Ausblick beeindruckend. Es ist ein wenig bewölkt aber die Sicht ist sehr gut. Auf den ersten Blick sieht man überall Wald und Felsen, je weiter und genauer man aber in die Ferne schaut, um so mehr sieht man, dass der gesamte Nationalpark von Stadt umgeben zu sein scheint. Überall ragen Hochhäuser in den Himmel. Viele verschiedene Ebenen lassen das ganze wie ein Gemälde aus einer Bob Ross Folge von „The Joy of Painting„ aussehen. Wie man das so macht versuchen wir alle das mit unseren Kameras fest zuhalten, was auch nicht schlecht gelingt.

 

Koreanische Freunde

Auf unserem weiteren Weg begegnen uns immer wieder einheimische Wanderer. Die meisten im fortgeschrittenen Alter, definitiv fit und auf jeden Fall besser ausgerüstet als wir. Seoul ist sowieso der richtige Ort um sich Outdoor Kleidung und sonstige Ausrüstung zu besorgen. Das fällt mir hier seit Jahren immer wieder positiv auf. Die Outdoor Begeisterung ist hier sehr groß. Das aber nur so nebenbei.

Jeder dem wir begegnen grüßt freundlich, gibt uns Auskunft, wenn wir so aussehen als wenn wir eine brauchen und läßt uns auf schmalen Abschnitten vor. Alles sehr höflich, rücksichtsvoll und unterstützend. Zwei aber besonders. 

Ein Pärchen, dass wie wir später erfahren, diese Route in den letzten 12 Jahren rund 3000 mal gelaufen ist, spricht uns an und erklärt uns wo wir uns gerade befinden. Durch sie erfahren wir, dass wir auf Wanderweg 1 unterwegs sind und das dessen Spitzname „Budda“ Weg lautet, wegen der Tempel die an ihm liegen. 

In gutem Englisch erzählt er uns begeistert die Geschichte des Parks und von dessen 66 Wanderwegen, die er bestimmt alle gut kennt. Als sei es selbstverständlich bieten sie an uns den weiteren Weg zu zeigen. Dankbar und begeistert nehmen wir das an. Man merkt dass sie hier öfter wandern. Er, seit 12 Jahren in Rente, sie etwas jünger und beide absolut fit und sicher unterwegs. Jeder schritt entschlossen und erfahren und sichtlich glücklich ihre Begeisterung mit uns teilen zu können.

 

Gipfel nach Gipfel nach Gipfel

Zusammen erreichen wir den ersten Gipfel – Bibong Peak auf 560m. Der Weg hinauf war steil, teilweise recht fordernd und durchgehend mit einem schönen Ausblick. Oben dann 360Grad pure Schönheit. Wälder, Felsen, Tempel und die Erkenntnis, dass unser Gipfel nur ein Zwischenschritt ist. Der nächste liegt schon in Sichtweite. 

Seunggabong Peak, mit 520m etwas niedriger als der Bibong Peak aber nicht weniger schön. Erst geht es ein ganzes Stück bergab. In den Fels sind Stahlpfeiler eingelassen über die ein festes, schweres Seil gespannt ist. Rückwerts geht es hier leichter. Unten angekommen geht es dann auch direkt wieder rauf und es scheint langsam immer anspruchsvoller zu werden. 

Bevor wir allerdings den nächsten Gipfel erreichen, passieren wir den Samobawi Rock. Seine Form soll an einen Englischen Gentlemen samt Hut erinnern, stimmt! ;). Wie uns unser erfahrener Begleiter zeigt, lässt sich der Felsen gut erklettern und man kann schöne Fotos von sich als König auf der „Spitze der Welt“ machen. 

Wir setzen uns, um eine kleine Verschnaufpause zu machen. Die Frau unseres Tourguides schneidet frische, leckere Kakis für uns. So nett und gastfreundlich, was für eine schöne Erfahrung an was für einem beeindruckenden Ort.

Auch vom Seunggabong Peak haben wir wieder einen schönen Rundblick und von hier aus sehen wir jetzt auch deutlich den Han Fluss, den Namensgeber das Nationalparks. Als wir losgelaufen sind war uns garnicht bewusst, dass wir heute 3 Gipfel „besteigen“ würden. Zu mindest ich denke bei jedem Gipfel „Cool, wir sind oben“. Bis mir dann der nächste gezeigt wird. So auch dieses mal. 

Munsubong Peak ist mit 727m nochmal ein ganzes Stück höher als die anderen beiden. Das ist einer der Abschnitte, die auf den Karten mit „Advanced“ angegeben werden. Der Weg vom Seunggabong zum Munsubong Peak ist an sich garnicht so weit, aber eben steil bergauf und so stehen wir plötzlich gefühlt vor einer Wand.

 

Wieder markieren in den Fels geschlagene Stahlpfeiler den Weg nach oben. Dieses mal aber nicht mit Seil, sondern mit Stangen verbunden. Daran kann man sich viel besser hoch ziehen. Alles ist sehr gut gewartet. Nur neue Schraubverbindungen, nichts wackelt, alles absolut vertrauenswürdig und so beginnen wir unseren Aufstieg.

Die ersten schritte sind ungewohnt, wecken aber schnell die Kletterbegeisterung meiner Kindheit und plötzlich laufe ich gekonnt, wie Adam Wests 60er Jahre Batman, die Wand senkrecht nach oben. Wir bleiben immer mal wieder stehen um uns umzusehen und unser Abenteuer fest zuhalten. Nach einigen Fotos, weiten Schritten und Klimmzügen sind wir am Gipfel. 

Ich übertreibe hier übrigens bewußt etwas. Ich glaube jeder wirklich Bergerfahrene würde diesen Aufstieg belächeln ;).

Der Ausblick vom Munsubong Peak hat nochmal eine ganz andere Qualität. Wir können unseren gesamten Weg hier rauf überschauen, sehen den Geumseonsa Tempel, den Bibong und Seunggabong Peak und dazwischen unseren Englischen Gentleman, um uns herum Seoul, Incheon und in der Ferne sogar den Grenzbereich zu Nord Korea, wie uns unser koreanischer Freund erklärt (Die Demilitarisierte Zone ist nur rund 50km von Seoul entfernt). Auch die noch höheren Gipfel können wir von hier aus sehen. Die werden wir aber heute nicht mehr bezwingen. 

 

Der Heimweg

Inzwischen ist der Tag schon ein wenig weiter fortgeschritten und wir machen uns langsam Gedanken über den Heimweg. Wir steigen den Munsubong Peak auf der anderen Seite hinab und folgen dem Weg und unseren Freunden noch ein wenig weiter, bis wir schließlich an die Bukhansanseong Festung und ihre Verteidigungsmauer kommen. Hier bekommen wir noch einmal unsere gesamte Strecke auf einer Karte des Parks gezeigt.

Mit rund 9km Strecke, 617 Höhenmeter und ca 4:30 Stunden, haben wir natürlich nur einen Bruchteil des Parks gesehen. Besonders die Strecke entlang der Verteidigungsmauer und ihre vielen Tore würden mich sehr interessieren und ich werde auf jeden Fall wieder kommen. Zurück geht es auf dem Wanderweg Nr.2 zu unserem Ausgangspunkt von heute Morgen.

Hier trennen sich also unsere Wege. Wir verabschieden uns herzlich von unserem lokalen Wander-Pärchen, die uns diesen Tag so viel wertvoller gemacht haben und begeben uns auf den Heimweg. Wieder durch schöne Wälder und vorbei an gefrorenen Flüssen und kleinen Wasserfällen. Nach ungefähr 2 Stunden sind wir wieder am kleinen Ticketschalter, laufen noch ein wenig weiter die Straße hinunter und suchen uns ein Taxi zurück ins Hotel.

 

Fazit

Ein Besuch des Bukhansan National Parks lohnt sich dieser Erfahrung nach absolut. Man sollte ihn definitiv nicht unterschätzen, besonders die richtigen Schuhe, Handschuhe und flexible, am besten Atmungsaktive Kleidung sind wichtig. Etwas Verpflegung und eine gute Karte sollten ebenfalls dabei sein. Für mich war es ein unglaublich schöner Tag und es sind genau diese Art von Erlebnissen, die das Reisen für mich so wertvoll machen. Ein Geschenk für dass ich unendlich dankbar bin. Es lohnt sich immer raus zu gehen und etwas zu unternehmen.

Wart ihr hier schon einmal wandern? Habt ihr ähnlich Erfahrungen an anderen Orten gemacht?

 

Links

Geumseonsa Temple Templestay