Ich glaube über die Chinesische Mauer muss ich nicht viel erzählen. Es gibt wohl kaum jemanden, der nicht von ihr gehört hat. Laut einer Vermessung aus dem Jahr 2012 hat sie eine gesamt Länge von 21.196,18 km. Die Mauer der Ming-Dynastie, sie ist meist gemeint wenn von der Chinesischen Mauer die Rede ist, hat eine Länge von 8851,8 Kilometern. 1987 wurde sie zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt. 

Dass man sie aus dem Weltall oder gar vom Mond aus sehen kann ist allerdings nur ein Gerücht. Genau so wie die Geschichten, die Leichen der beim Bau verstorbenen Arbeiter seien in ihr eingemauert worden. Aber auch ohne diese Superlative und Schauergeschichten ist sie beeindruckend. 

Vor rund 10 Jahren habe ich sie bereits einmal besucht. Damals war ich in Mutianyu, der längste, voll restaurierte Abschnitt der Chinesischen Mauer. Sehr touristisch und wie so viele Sehenswürdigkeiten recht überlaufen. Auf der Mauer gehen war hier eher ein auf der Mauer anstehen.

Eine Erfahrung, wie sie wohl die meisten Peking Besucher machen, ist dies doch der am häufigsten besuchte Mauerabschnitt. Mit der Seilbahn geht es rauf, ein Stück nach rechts und links auf der hübsch gemachten Mauer und dann mit der Sommerrodelbahn wieder runter. Die wiederum war zugegebenermaßen aber wirklich spaßig. 

Das klingt jetzt alles vielleicht etwas abfällig, ist so aber nicht gemeint. Für viele Urlauber ist das wahrscheinlich genau das Richtige und auch so war es wirklich beeindruckend, sie das erste Mal in echt zusehen. Auch wenn man hier nicht weit auf ihr gehen kann, sieht man sie sich doch bis zum Horizont erstrecken und bekommt ein Gefühl für ihre Ausmaße. 

Dieses Mal will ich aber eine andere Erfahrung machen. 

 

 

Chinesische Mauer puristisch 

Ich will sie mal so sehen, wie sie wirklich war. Nicht mit Cola Verkaufsständen und verkleideten Soldaten wie damals.

Vor allem aber so, wie sie sich im Laufe der Jahrhunderte verändert hat. Nachdem 1644 die Ming Dynastie endete, gab es für sie keine Verwendung mehr und dieses gewaltige Bauwerk wurde weitestgehend sich selbst und der Natur überlassen. So will ich sie sehen.

Nach ein bisschen suchen im Netz, habe ich ein paar Veranstalter gefunden, die einem diese Ausblicke versprechen, an restaurierten und unrestaurierten Abschnitten.

Die Angebote sind sehr unterschiedlich. Von Familien die nahe der Mauer leben, mit einem auf ihr wandern und danach zu sich nachhause zum Essen und Übernachten einladen, bis hin zu größeren Veranstaltern. Sie bieten Wanderungen an verschiedenen Stellen an, kombinieren diese mit sehenswertem im Umland und veranstalten sogar Übernachtungen. Mit dem Zelt auf der Chinesischen Mauer. Was muss es für ein Gefühl sein, an einem Ort der so viel Geschichte gesehen hat die Nacht zu verbringen.

Der wohl bekannteste Veranstalter solcher Wanderungen ist Beijinghikers.com, bei denen ich auch meine Wanderung gebucht habe. Sie bieten vom gemütlicheren Spaziergang, über zwei tägige Wanderungen mit Übernachtung bis hin zur anspruchsvollen Wanderung mit Kletterelementen alles an.

 

 

Longquanyu Great Wall to the Little West Lake

heißt die Wanderung, die ich mir gebucht habe. Ihr Startpunkt ist etwa zwei Stunden Busfahrt von Peking entfernt. Von hier aus geht es erst über einen restaurierten Teil und dann über einen verwilderten Teil der Chinesischen Mauer. Die Wanderung hat eine Gesamtlänge von rund 7km, dauert etwa 4 Stunden und endet an einem Stausee namens Little West Lake. Die Bilder auf der Website sehen sehr vielversprechend aus. Den Preis von 460 Yuan, rund 60€, finde ich völlig in Ordnung. Einen Link zur Wanderung findet ihr am Ende des Textes.

 

 

Wie ihr hinkommt

Bei der Buchung der Wanderung werden mir zwei Treffpunkte in der Stadt angeboten. Einer von ihnen liegt zufälliger Weise direkt gegenüber von meinem Hotel, an der Liangmaqiao Subway Station. Sollte das der zu eurem Hotel am nächsten gelegene Treffpunkt sein, ist das auch die U-Bahn Station zu der ihr fahrt. Wo genau ihr dann aufgesammelt werdet, seht ihr auf einer leicht verständlichen Karte, die euch von Beijinghikers mit der Buchungsbestätigung zugeschickt wird. Alles ganz einfach und nicht zu verpassen. 

Der andere Treffpunkt heißt Lido Metropark Hotel Starbucks und ist am leichtesten mit dem Taxi zu erreichen, solltet ihr nicht zufällig dort in der Nähe übernachten.

Um 7:30 gehts am Treffpunkt los, so um 7:15 soll ich da sein. Also klingelt der Wecker um 6, ich mache mich stressfrei und voller Vorfreude fertig und verlasse das Hotel. Am Treffpunkt angekommen, wie immer bin ich zu früh da, fällt mir direkt eine Frau auf, die dort bereits wartend auf einer kleinen Mauer sitzt und bestimmt auch zur Gruppe gehört. Kurz darauf kommt noch jemand da zu, dann noch jemand und bald steht hier eine Gruppe von 10 Leuten und wir kommen ins Gespräch. Um ca. 20 Minuten nach 7Uhr taucht dann, wie aus dem Nichts, unser Guide auf. Millicent, ihren Namen kenne ich bereits aus der E-Mail mit den letzten Infos, die gestern Abend noch kam. 

 

 

Nette, internationale Gruppe, super Guides und tolle Organisation 

Millicent möchte Mill oder Milli genannt werden, kommt aus Chicago, ist etwa einen Kopf kleiner als ich und fällt mir gleich durch ihre offene, positive Art und ihren großartigen Humor auf. 

Interessiert fragt sie in die Runde, wo wir denn herkommen und was wir machen. Wie sich rausstellt, sind in der inzwischen noch etwas größer gewordenen Gruppe Urlauber, Studenten, Geschäftsreisende und In Peking lebende Deutsche, Italiener, Belgier, Australier, Amerikaner, Schweden, usw. vertreten. Sehr nette, interessante Menschen die ich hier kennen lernen darf. Das macht den Tag noch wertvoller! 

Kurz darauf sind wir auch schon mit dem moderne Bus und mit einer Gruppe von nun 19 Leuten unterwegs und Milli gibt uns einige Informationen zum heutigen Tag, zur Chinesischen Mauer, zur Organisation und wir bezahlen unseren Ausflug. Hier ist wirklich für alles gesorgt. Wir bekommen so viel Wasser wie wir wollen, Wanderstöcke werden uns zur Verfügung gestellt, wenn wir welche brauchen und was wir für die Wanderung nicht benötigen, können wir sicher und bequem im Bus lassen.

Außer Millicent sind noch zwei weitere Guides dabei. Einer von ihnen wird vorweg laufen und den Weg an unklaren Stellen mit roten Fähnchen markieren. Milli läuft in der Mitte und der dritte Guide läuft ganz am Ende, achtet darauf, dass niemand verloren geht oder zurück bleibt und sammelt die Fähnchen wieder ein.

Ein super System, welches sich später noch als sinnvoll erweisen wird.

 

An der Mauer 

Der Bus arbeitet sich immer weiter die Berge rauf und ein, zwei mal können wir einzelne Türme der Mauer bereits sehen. An einer unscheinbaren Stelle bleibt er dann stehen und wir steigen aus. Die Gruppe sammelt sich am Straßenrand, wir nehmen uns noch eine Flasche Wasser mit, einige nehmen sich Wanderstöcke und der erste Guide läuft los.

Ein schmaler Pfad führt uns weiter den Berg rauf und nach ein paar Metern können wir bereits den ersten schönen Ausblick genießen. Links von uns Felsen und rechts ein recht steiler Abhang. Ein Blick über Wälder, rüber zu anderen Bergen und hinunter in das Tal aus dem wir gerade gekommen sind. 

Wir haben wunderschönes Wetter erwischt. So um die 30 Grad, nicht zu hohe Luftfeuchtigkeit und mit besserer Sicht als die Busfahrt erwarten ließ. Hier oben geht ein leichter Wind, wodurch es mir nicht so heiß vorkommt.

 

Die Gruppe läuft noch recht dicht zusammen, als wir die Mauer erreichen. An der Stelle an der wir sie betreten, fällt sie mir erst garnicht wirklich auf. Ein paar ebenerdige Schritte und ich stehe mitten drauf. „Welcome to the Great Wall of China“ ruft Milli in die Runde. Jetzt ist es unübersehbar die Chinesische Mauer. Vor und zurück soweit wir sehen können. Auf Berge rauf und runter in die Täler hinter ihnen, soweit das Auge reicht, unglaublich.

 

 

Auf der Chinesischen Mauer

Auf ihr zu wandern kann ich schwer in Worte fassen. Ich versuche mein Unvermögen mit entsprechend schönen Bildern und dem Video am Ende auszugleichen ;).

Nüchtern betrachtet würde ich es so beschreiben: Auf dem gut erhaltenen Teil der Mauer laufe ich auf festem Stein, steige massive Stufen, die alle unterschiedliche Höhen haben, hinauf und hinab. Mal geht es rechts und links tief runter, teils mit und teils ohne Geländer. An anderen Stellen ist die Mauer nur rund einen Meter vom Waldboden entfernt. Sie schlängelt sich die Bergrücken rauf und runter. An einigen Türmen geht es so steil bergauf und ab, dass ich auf allen vieren unterwegs bin.

Auf den weniger gut erhaltenen Teilen stehen eigentlich nur noch die Außenwände der Mauer. Dazwischen sind Sand, Schotter und lose Steine der Untergrund, was es gerade an den steilen Auf- und Abstiegen der Türme teils schwierig macht. An diesen Abschnitten sind die Türme auch eher Ruinen, Platos mit einzelnen Türbögen und teilweise erhaltenen Dächern. 

 

Versuche ich es emotional zu beschreiben, klingt das ungefähr so: Hier zu sein ist in jeder Hinsicht beeindruckend. Die Ausblicke sind überwältigend, das Bauwerk selbst, die Natur rundherum, die ganze Atmosphäre.

Wie sie erbaut wurde und was sie alles gesehen hat ist unvorstellbar. Hier zu wandern erweckt in mir Ehrfurcht und Neugier zugleich. Ich will alles festhalten, jedes Detail sehen, keine Perspektive und Aussicht verpassen.

Einige Teilnehmer der Wanderung sind schneller und andere weniger schnell, wodurch sich die 19 kleinen Menschen auf diesem riesen Bauwerk gut verteilen. Ich halte mich unbewußt am Ende der Gruppe, nehme mir Zeit, mache wunderschöne Aufnahmen am Boden und in der Luft und bin stellenweise gefühlt alleine. So muss sich jemand in früheren Zeiten, in denen nicht jeder Mensch alles wissen der Welt zur Verfügung hatte, gefühlt haben, der nichts ahnend auf die Chinesische Mauer stieß.

 

 

Kondition und Fitness

Beijinghikers unterteilt seine Wanderungen in 5 Level, wobei Level 1 am leichtesten und Level 5 am anspruchsvollsten ist. Mit Level 3 ist diese Wanderung nicht die schwierigste. Dennoch solltet ihr eine gute Kondition und Fitness mitbringen. Wie erwähnt geht es sehr viel bergauf und ab, ihr seht euch also öfter einer Vielzahl von Stufen gegenüber, die es zu bewältigen gilt.

Kommt ihr doch an den Punkt, an dem es nicht mehr geht, ist das kein Weltuntergang. Auch hierauf sind die Guides vorbereitet und kennen alternativ Routen, die solche Schwierigkeiten umgehen. 

Eine der Teilnehmerinnen kommt an diesen Punkt. Der am Ende laufende Guide führt sie über eine Abkürzung zum späteren Treffpunkt am Little West Lake, wo sie wieder zur Gruppe dazu stößt und mit uns dann die Wanderung beenden kann.

 

 

Little West Lake und spätes Mittagessen

Das Ende dieser Wanderung bildet, wie schon erwähnt, der Little West Lake. Ein Staudamm mit angeschlossener, schöner Parkanlage, gemütlichen Sitzmöglichkeiten und den obligatorischen Tretbooten. Wirklich interessant ist, dass der verhältnismäßig neue Stausee stellenweise die Chinesische Mauer unterbricht. Entweder wurden hier dann neue Brücken als Übergang erbaut oder sie endet einfach am einen Ufer und beginnt wieder am Anderen.  

 

Über die Staumauer hinweg und durch den sie eingrenzenden Felsen hindurch, stehen wir schließlich auf dem Parkplatz, von dem aus wir die Rückreise antreten werden. Die Gruppe sammelt sich und wir steigen in den bereits wartenden Bus.  

Bevor es aber zurück nach Peking geht, wartet noch ein spätes Mittagessen auf uns. Etwa 10 Minuten Fahrt entfernt in einem kleinen Restaurant, in dem wir gemütlich draussen sitzen können. Es gibt leckeres, lokales Essen. Fleisch genau so wie Vegetarisch, Softdrinks und Bier und alles ist im Preis der Wanderung inbegriffen. Wir greifen alle ordentlich zu und tauschen uns begeistert über die heutigen Erfahrungen aus. Ein wirklich gelungener Abschluss.

 

 

Wenn Chinesische Mauer, dann so!

Egal ob ihr bereits einmal an der Chinesischen Mauer wart oder nicht, eine Wanderung wie diese ist etwas ganz besonderes und absolut empfehlenswert. Solche Eindrücke und Erfahrungen bleiben ein Leben lang und lassen sich meiner Meinung nach besser und echter abseits von Menschenmassen machen. 

Für mich wird es nicht die letzte Wanderung dieser Art gewesen sein und ich hoffe ich konnte es euch ein wenig schmackhaft machen. Vielleicht begegnen wir uns ja mal – irgendwo auf der Chinesischen Mauer.

 

Habt ihr die Chinesische Mauer schonmal gesehen? Was habt ihr für Erfahrungen gemacht?

 

A Travel Short: Hiking the Great Wall

 

Links

Beijinghikers

Beijinghikers – Longquanyu Great Wall to the Little West Lake

 

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