In meinem Beitrag – Grünes Hongkong – habe ich euch schon ein paar Wander- und Naturerlebnisse auf Hongkong Island vorgestellt. Dieses Mal möchte ich euch eine weniger bekannte Wanderung in Kowloon, also auf dem Festland gegenüber von Hongkong Island, vorstellen – rauf auf den Kowloon Peak. Er ist mit 602m höher als der Victoria Peak und verspricht wunderschöne Ausblicke.
Bis vor kurzem kannte ich ihn noch nicht, hatte allerdings schon einige Aufnahmen von seinem spektakulärsten Teil, mit dem etwas beängstigenden Namen “Suicide Cliff”, im Internet gesehen und wollte unbedingt wissen wie ich dort hin komme. Also habe ich mir den Weg zusammen gesucht und werde ihn dieses Mal gehen.

 

Wie ihr hin kommt

Am einfachsten ist der Kowloon Peak mit der U-Bahn (MTR) zu erreichen. Die nächst gelegene Station ist die Choi Hung Station auf der Kwun Tong Line. Von hier aus geht ihr am einfachsten zu Fuß weiter. Es gibt wohl auch die Möglichkeit den Bus 1A oder 11 ab der Haltestelle Good Hope School, die Clear Water Bay Road rauf zu nehmen. Das macht aber meiner Meinung nach nicht viel Sinn und verkürzt die gesamte Wanderung um rund 2km, nimmt also ein Stück Weg, der ja auch irgendwie Ziel ist. Anfangs lauft ihr durch Wohngebiete, an Märkten und Schulen vorbei und je weiter ihr den Berg rauf kommt, um so schöner werden dann die Ausblicke auf die Stadt und die Clear Water Bay. Außerdem könnt ihr euch den Kowloon Peak schon einmal von unten ansehen und erahnen, was euch erwartet. Das ist doch viel schöner als in einem Bus zu sitzen.

Ihr verlaßt also die U-Bahn Station über Ausgang C1 und folgt dann einfach der Clear Water Bay Road (nicht der New Clear Water Bay Road), bis etwas weiter oben die Fei Ngo Shan Road links abgeht. Die geht es dann immer weiter Berg auf, bis zum Zugang des Wanderwegs zum Peak.

Verschiedene Wege

Die gerade beschriebene Anreise führt euch übrigens zu einem der „leichteren“ Wege hinauf auf den Peak. Dieser führt in einer langgezogenen Linkskurve, quasi hintenrum an den Gipfel heran. In Anführungszeichen „leichterer“, weil der eigentliche Aufstieg, nach verlassen der befestigten Straßen, auch hier recht steil und nicht einfach ist. Über Steine und fest verankerte Holzstufen braucht ihr hier einen sicheren Tritt und gute Kondition. Am Eingang des Pfades warnt ein Schild vor den Gefahren des Weges.

Wollt ihr es noch anspruchsvoller, könnt ihr aber auch den Weg direkt unterhalb des Suicide Cliffs nehmen. Das geht dann etwas weiter unten, noch auf der Clear Water Bay Road los. Dieser Weg hat weniger von einer Wanderung und mehr von einem tatsächlichen Aufstieg. Sehr steile Passagen in denen ihr über Felsen klettert und euch oft auf schmalen Wegen an sehr steilen Abhängen bewegt. Fehltritte solltet ihr euch hier nicht erlauben. Wer erfahren und sicher am Berg ist wird hier wohl auf seine Kosten kommen.

Es gibt noch weitere Wege rauf zum Gipfel, die ich aber selbst noch nicht gesehen habe. Vielleicht beim nächsten Mal.

 

Suicide Cliff

Das Suicide Cliff ist eine steil abfallende Klippe, etwas unterhalb des Gipfels. Ein spektakulärer Ort an dem ihr euch dicht an die Kante setzen, eure Füße und die Seele baumeln lassen und einen unglaublichen Ausblick genießen könnt. Hinter euch der schmale Bergrücken zum Fernsehturm des Peaks, unter euch Abgrund und wunderschöne Wälder und vor euch Kowloon und Hongkong Island, schöner und beeindruckender als ihr es vom Victoria Peak oder irgend einem anderen Ort aus sehen könnt. Dementsprechend schöne Erinnerungen, Aufnahmen und Bilder lassen sich hier machen.

Seinen gefährlich klingenden Namen hat dieser Ort allerdings nicht umsonst. Jedes Jahr verunglücken hier Wanderer. Im Jahr 2017 sind auf Hongkongs Wanderwegen insgesamt 15 Menschen zu Tode gekommen, 175 haben sich verletzt. Zu mindest ein Todesfall in diesem Zeitraum geschah hier. Dementsprechend ist Vorsicht geboten und deshalb auch das Warnschild am Zugang des Wanderweges.

Ohne damit Angst machen zu wollen, sind das Dinge derer ihr euch bewußt sein solltet. Das gilt aber wohl für jede Wanderung mit ähnlichen Bedingungen. Soweit erstmal zu den Fakten.

 

Zum Kowloon Peak – 1. Versuch

Donnerstag: 5:30 Uhr klingelt der Wecker. Eine kurze aber gute Nacht. Den Rucksack mit Film und Foto Ausrüstung und Verpflegung habe ich bereits abends gepackt und so bin ich recht bald auf dem Weg zur U-Bahn. Ich breche so früh auf, weil der Kowloon Peak, wenn auch weniger bekannt als Dragons Back und co. bei weitem nicht unbekannt ist. An schönen Tagen ist hier schon etwas los und ich möchte wenn möglich vor dem Ansturm oben sein. Ich will den Ort für mich haben und ihn Ruhe Bilder und Aufnahmen machen können.

 

ChoiHong Station Hongkong

Aus der U-Bahn raus, Wohngebiete und Ströme uniformierter Schüler hinter mir gelassen und bereits ein Stück die Straße rauf, kann ich einen ersten Blick auf den Berg werfen, oder auf die Wolkendecke, die leider Heute die obere Hälfte verdeckt. Die Sicht unterhalb der Wolken ist aber klar und laut Wetterdienst soll die Decke irgendwann am Vormittag aufreißen.

Clear Water Bay Road Hongkong

Kowloon Peak im Nebel

Je weiter ich rauf komme um so dichter wird der Wald. Es wird immer ruhiger und die Luftfeuchtigkeit steigt. Mit ihr macht sich eine ganz eigene Stimmung breit, die für mich irgendwo zwischen friedlich und unheimlich liegt. Zweiteres steigert sich ein wenig, als ich einen kurzen Schlenker über einen kleinen Friedhof, der ein paar Schritte in den Wald rein liegt, mache. Recht schnell bin ich also auf meinem eigentlichen Weg zurück und stehe schließlich vor dem Aufgang in Richtung Peak.

Dichter Wald Kowloon Peak

Friedhof Kowloon Peak

Hinter dem roten Warnschild geht es dann auch, so weit ich sehen kann direkt recht steil nach oben. Nach kurzem Zögern beginne ich also den Aufstieg. Es ist warm, der Boden aber recht trocken und ich habe guten Halt. Bei nassem Untergrund würde ich diesen Weg nicht gehen.

Warnung Kowloon Peak

 

Dicke, graue Suppe

Zwischendrin scheint das Wetter sich immer mal wieder zu bessern und ein schöner weiter Ausblick blitzt durch. Je weiter ich dann aber an die 602m heran komme, um so deutlicher wird mir, dass ich hier heute vermutlich nichts sehen werde. Genau das bestätigt sich als ich schließlich auf dem Hubschrauberlandeplatz vor dem nur zu erahnenden Fernsehturm stehe. Erschöpft und nass geschwitzt vom Weg stehe ich in einer dicken, grauen Suppe und der starke Wind droht mich wieder runter zu pusten. Trotzdem setze ich mich und versuche erstmal durchzuatmen und den Wind zu nutzen um etwas zu trocknen. Vielleicht ist die Wolke ja gleich durch und ich bekomme meinen Ausblick.

Dicken Wolken am Kowloon Peak

Nachdem sich dann langsam die Feuchtigkeit, aus der eine solche Wolke ja nunmal besteht an mir, meiner Kleidung und meinem Gepäck sammelt gebe ich mich geschlagen und ziehe mich für heute zurück.

Ein wenig geknickt arbeite ich mich konzentriert den Weg wieder nach unten und überlege mir was ich den Rest des Tages machen werde und vor allem, was ich denn nun über meine Wanderung schreiben soll. Bilder vom schönen Ausblick konnte ich für diesen Beitrag ja jetzt auch nicht machen.

Zurück im Hotel erhole ich mich erstmal ein bisschen bevor ich mich auf mache, um den Tag am Repulse Bay Beach ausklingen zu lassen. Heute war definitiv eine Erfahrung. Das was ich mir erhofft hatte, hat sich aber nicht erfüllt. Also beschließe ich morgen früh einen zweiten Versuch zu starten. Morgen soll es sonniger werden, gleich in der Früh.

 

Zum Kowloon Peak – 2. Versuch

Freitag: 5:30 Uhr klingelt der Wecker. Eine lange, sehr gute Nacht, nach dem anstrengenden Auf- und Abstieg gestern. Den Rucksack mit Film und Foto … ihr wisst schon.
Raus aus der U-Bahn, durch die Wohngebiete und vorbei an Schulen, die heute überraschender weise geschlossen sind. Später erfahre ich das heute ein Feiertag ist – Ching Ming Festival, das chinesische Totengedenkfest.
Das Wetter ist heute morgen schon wesentlich besser als es gestern war. Es ist weniger feucht, etwas diesig, weniger klare Sicht und ein ganzes Stück wärmer. Heute scheine ich aber meine Aussicht zu bekommen. Es ist zwar bewölkt, die Decke hängt aber wesentlich höher und ich kann die Spitzen der Berge um mich herum sehen.

Klare Sicht am Kowloon Peak

Schneller als es mir gestern vor kam bin ich die beiden Straßen wieder rauf gelaufen und wieder mitten im steilen Dschungelpfad nach oben. Heute ist der viel angenehmer, heller und freundlicher. Ich habe weniger das Gefühl gleich Schlangen oder anderen Dschungelbewohnern zu begegnen und hinter mir baut sich ein immer schöner werdender Ausblick auf.
Der Muskelkater vom Vortag macht es heute allerdings nochmal etwas anstrengender. Mit ein paar Pausen mehr bin ich dann aber trotzdem recht schnell oben am Hubschrauberlandeplatz, der sich gestern wie ein kleiner Raum mit grauen Wänden anfühlte. Heute ist er ein freundlicher Farbfleck auf einem 602m hohem Gipfel. Ein Rastplatz umgeben von Wäldern und Bergen, in der Ferne Stadt, Gebäude, Buchten, Schiffe…so viel zu sehen. Inzwischen ist es sonnig.

Hubschrauberlandeplatz Kowloon Peak

Auch wenn ich sehr früh dran bin sitzen hier bereits ein Pärchen und ein einzelner Wanderer und erholen sich von deren Aufstieg. Ich bleibe ein paar Minuten und nach einem ordentlichen Schluck Wasser und einer stärkenden Banane gehe ich weiter. Rechts am Fernsehturm vorbei und eine Treppe rauf liegt der Weg zum Kliff jetzt vor mir.

 

Vor zum Suicide Cliff

Ein atemberaubender Ausblick. Der schmale Bergrücken vor mir und dahinter bereits zu erkennen: Kowloon, Victoria Harbour und Hongkong Island. Ich laufe los. Der Weg scheint auf den ersten Blick recht schmal, ist aber gut und sicher zu gehen. Vorbei an einem weiteren Gebäude der Sendeanlage, welches von einem leisen elektrischen Surren umgeben ist.

Bergrücken Kowloon Peak

Bergrücken Kowloon Peak

An ein oder zwei Stellen liegen größere Steinformationen vor mir und ich muss etwas klettern. Rechts und links unten liegen Wohngebiete. Häuser die sonst von unten dünn und hoch erscheinen, wirken von hier aus wie auf einer Modelleisenbahn.

Bergrücken Kowloon Peak

Bergrücken Kowloon Peak

Am vermuteten Ende des Bergrückens geht es dann nochmal ein paar Meter weiter nach vorne zum eigentlichen Kliff. Hier klettere ich mehr als ich gehe und nicht immer ist mir der Weg nach vorne an die Kante direkt klar.

 

360 Grad Schönheit

Bergrücken Kowloon Peak

Vorne angekommen bin ich überwältigt von den Eindrücken und dem Ausblick. Wie eine kleine Sprungchance neigt sich der höchste Punkt des Kliffs nach oben und genau da werde ich mich hinsetzen. 360 Grad Schönheit um mich herum, nichts zu hören als der Wind und die Zikaden, deren markantes Geräusch mich seit der Ankunft am Gipfel schon begleitet. Ich genieße es, entspanne und erhole mich erst einmal.

Suicide Cliff

Ich mache die ersten Bilder und überlege, wo ich meine Drohne starten lassen kann. Nach kurzem Aufbau fliege ich einige Runden und mache wunderschöne Aufnahmen von mir und der Umgebung. Über eine Stunde habe ich hier alles für mich alleine, bevor von unterhalb des Kliffs, über den schon erwähnten schweren Weg die ersten Wanderer hoch kommen. Ich lasse sie etwas näher rankommen, genieße diesen unglaublichen Ort noch ein wenig länger und packe dann langsam zusammen um etwas weiter oben noch einmal in die Luft zu gehen.

Kowloon Peak von Oben

Das Wetter ist heute dafür wirklich perfekt. Es ist nicht zu heiß, nicht zu sonnig und es geht kaum Wind. Ideale Flugbedingungen. Ein paar An- und Überflüge später zieht plötzlich ein wirklich großer Greifvogel an mir vorbei. Keine Ahnung wo der auf einmal her kommt, aber dass es sie hier gibt wusste ich. Rund um Hongkong nisten sie überall an den Bergen. Er dreht seinen Kopf in meine Richtung als wollte er mir sagen „Das hier ist mein Hoheitsgebiet, in dem du dich gerade bewegst!“ Die Nachricht kam an! Respektvoll und mit ein wenig Angst um meine teure Ausrüstung setze ich zur Landung an. Ich habe alle Aufnahmen und Bilder die ich machen wollte. Danke Adler dass ich hier fliegen durfte.

 

Langsam füllt es sich

Alles zusammen gepackt mache ich mich langsam auf den Weg, zurück zum Fernsehturm und dann wieder den Berg runter. Vom Hubschrauberlandeplatz aus kommen mir nun auch andere Wanderer entgegen. Auch auf dem Weg nach unten begegnen mir immer mehr Leute, genau so angestrengt wie ich auf meinem Weg rauf wohl ausgesehen habe. Wieder auf der befestigten Straße angekommen stehe ich plötzlich inmitten größere Gruppen einheimischer Familien, die hier am heutigen Totengedenkfest die Gräber ihrer Verstorbenen besuchen. Mit zahlreichen Autos und Kleinbussen werden sie hier hochgefahren und die Ruhe und Abgeschiedenheit von heute morgen hat sich gewandelt. Zwischendrin auch einige Touristen und Einheimische, denen der Weg zum Gipfel noch bevor steht. Mit einigen von ihnen komme ich ins Gespräch, erkläre ihnen den Weg und erzähle und zeige ihnen was sie erwartet.

Den Weg zurück zu meinem Hotel gehe ich auch zu Fuß. Dort angekommen sehe ich mir die ersten meiner Aufnahmen an, packe die Ausrüstung zurück in meine Koffer und lege mich dann nochmal etwas hin, bevor es heute Abend zurück nachhause geht.

 

Mit zufriedenem Hochgefühl

Heute war genau so wie ich es mir vorgestellt habe und von den Eindrücken her war es noch wesentlich schöner als gedacht. Dieser Ort, die Natur und diese ganze Erfahrung hat in mir eine Zufriedenheit und ein Hochgefühl hinterlassen, welches noch lange anhalten und nachwirken wird. Nicht zuletzt durch die wunderschönen Erinnerungen, die ich hier festhalten konnte. So etwas kann einem keiner mehr nehmen und genau dafür gehe ich raus in die Welt.

Ich kann euch die Wanderung rauf zum Kowloon Peak nur empfehlen. Mich hat sie ungemein begeistert und auch wenn es zwei Anläufe gebraucht hat, werde ich mit Sicherheit nicht das letzte Mal hier oben gewesen sein.

 

Kennt ihr noch andere Wanderungen in Hongkong und Umgebung? Welche Wanderungen an anderen Orten haben euch so begeistert?

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